"Eine Wanderung in die Landschaften...", Sidonia Gadient, Kunsthistorikerin, Basel
Eine Wanderung in die Landschaften Martin J. Meiers
Biografie
Chur war für Martin J. Meier (Martinj) seit seiner Geburt am 29. Sept. 1965 bis 1996 Lebensmittelpunkt. Nach der Matura und dem Bündner Lehrerseminar hat er die Laufbahn des Kunstmalers eingeschlagen. An der „Accademia di Belle Arti di Carrara“ absolvierte er eine vierjährige Ausbildung in bildender Kunst, die er mit dem Diploma di Licenza abschloss.
Seit 1997 lebt Martinj als freischaffender Kunstmaler in Basel. Im idyllischen Gellertpark hat er in einem rund 150jährigen Pavillon sein Atelier eingerichtet, in direkter Nachbarschaft zur Musikschule Basel und herrschaftlichen Villen. Dennoch bleibt er stark mit Graubünden verbunden und zwar dank seiner Ausstellungstätigkeit, seine zeitweilige Lehrtätigkeit an der HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft) Chur, wo er seit 2001 Aktzeichnen unterrichtet sowie durch familiäre Bande.
Seine Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt: so z. B. im Museum Birsfelden, in der Gallerie Niklaus Knöll und bei Visarte in Basel sowie im mediacampus in Zürich. Dank der Ausstellungen in der Schweiz aber auch in Italien, Deutschland und Island sowie eines Förderungspreises des Kt. GR gilt er in der Kunstszene als „lebender Geheimtipp“.
Sein Schaffen ist zudem geprägt durch ausserordentliche Projekte wie das Buchcover für den Diogenes Verlag von Anne Fadiman „Wie ich zur Bibliomanin wurde“ sowie eine Weinetikette anlässlich der Nominierung der RhB zum Unesco Weltkulturerbe. Ebenso gehört das Portraitzeichnen dazu, das er im Rahmen eines Atelieraufenthaltes in Island (2007) und als Aktion im Kultursommer 2008 in Basel sowie in Firmen ausführte.
Ebenso prägend war die Freundschaft zu Dänu Boemle (+2007) der als DRS3-Moderator, Künstler und Kinderbuchautor bekannt war.
Landschaft
Martinj’s knapp 20jähriges Werk gehört mehrheitlich zwei Gattungen an: Akt und Landschaft. Die Themenwahl seiner Bilder ist biografisch begründet, in Martinj’s Worten:
„Die Menschen sind sich doch alle irgendwie ähnlich. Ein weiter Himmel, ein schöner Frauenkörper, das berührt einfach.“
Die Landschaft Islands, die Martinj zwischen 1999 und 2007 drei mal bereist hat, entspricht in ihren Merkmalen denjenigen Landschaften, die Martinj in seinem Atelier in Basel malt. Wie bei Flusslandschaft, 2008, Wolkenlandschaft, 2008, Bergsee, 2008 ersichtlich, zeichnet sich diese Landschaft durch eine weite, praktisch baumlose Szenerie aus. Sie besticht durch eine eindrückliche Klarheit, Reinheit und Ruhe. Die blauen und weissen Töne des Himmels und der Wolken wiederspiegeln sich im Flusslauf und kontrastieren mit der gelb, grünen Landschaft. Diese erinnert an eruptives Vulkangestein. Die linsenförmigen Wolken (Lentikulariswolken) sind für die klimatischen Bedingungen Islands ebenso typisch.
Die gemalten Landschaften können ebenso Weltlandschaften sein, die kein Abbild der Realität sein sollen. Martinj fertigt zwar Strukturen, Räume und Figuren in Skizzenbüchern an und notiert Träume und Gedanken, malt die Landschaften aber aus der Erinnerung, wie er betont: „Darum ist der Abstraktionsgrad höher als bei den Aktbildern. Das Modell ist wirklich da, die Landschaft aber Vorstellung.“ Das führt zu einer verdichteten und idealisierten Wiedergabe der Natur.
Marinj’s Landschaften offenbaren sich sowohl als Wunsch- und Traumlandschaften für uns Betrachter, als auch sind sie persönlicher Projektionsraum für das Innere des Malers. Martinj fühlt sich gerne als Teil der Landschaft, in die er hineingeht. Durch wöchentliche ausgedehnte Wanderungen – u.a. im von Basel aus benachbarten Jura – erlebt und erfasst Martinj Landschaften als Sehnsuchts- bzw. Zielorte. Einerseits verliert er sich in der Landschaft, andererseits wandert er auf Orte zu, an denen er gerne sein möchte. Diese ehrfürchtige Haltung verlangt nicht nur Bewunderung für die Schönheit und Grossartigkeit der Landschaft, sondern auch deren Respekt. Der Mensch hat die Möglichkeit die Natur fein zu gestalten, vor deren Gewalt muss er sich jedoch beugen. Die Natur ist göttlich, von den Elementen geschaffen.
Himmel
Ebenso fasziniert ist Martinj vor der “Idee” Himmel. Da der Himmel so gewaltig ist und eine realistische Abbildung gar unmöglich scheint, nähert sich Martinj durch die Abstraktion von Himmelskörpern der Idee Himmel an. Durch die Konzentration von Himmelskörper entstehen eigentümliche, lebendige Gebilde wie in Rote Wolken, 2008. Die Wolken wirken hier geheimnisvoll, geradezu beseelt.
Diese geheimnisvolle Wirklichkeit, die sich hinter den sichtbaren Dingen verbirgt, lässt den ikonographischen Vergleich zur Pittura Metafisica (1910-1925) zu, dessen Vertreter Giorgio de Chirico (1888-1978) und auch Mario Sironi (1885-1961) sind.
Selbst auf ständiger Suche, fasziniert Martinj die Reise der Wolken: ihre ständige Fortbewegung bei gleichzeitiger Umformung und Veränderung erinnert an ein Mysterium. In Worten George Steiner`s (*1929, österr. Philosoph): „Dem Zeichen wohnt eine formale Freiheit inne.“ (Errata, dtv 2002) Martinj bezeichnet sich selbst als “Hans-guck-in die Luft“, der zwar den Kopf in die Wolken streckt, aber dennoch den Erdkontakt nicht verliert. Diese Perspektive sieht Martinj als Herausforderung, auf seinem Weg weiterzugehen.
Formen und Farben
Diese Weiterentwicklung lässt sich formal gut an den Werken veranschaulichen: Bei Kupferwolke, 2006 ist die Wolke und der Horizont abstrakt und zeichenhaft. Die angeschnittene Ellipse, deren Perspektive die Fish-eye-Optik ist, ist kontrollierbar. Aufgrund der Umrandung wird sie zur Hieroglyphe stilisiert. Eine physische Präsenz des Malers bzw. Betrachters ist undenkbar. Im Gegensatz zu den vorhin beschriebenen Landschaften von 2008, hat Martinj zu dieser Zeit tatsächlich noch keine ausgedehnten Wanderungen unternommen und somit ausschliesslich aus der Erinnerung gemalt.
Bei den Werken aus dem Jahre 2008 ist eine Weiterentwicklung zu expressiveren Formen sowie kräftigen Farben zu beobachten. Das Vorbild ist der deutsche Expressionismus. Aufgrund der sanften, geschwungenen Formen wirkt die Szenerie lebendig und lustvoll. Zum Bsp. bei Wolkenlandschaft, 2008, ist die physische Präsenz des Malers, der eruptive Malakt und die Freude an Farbnuancen offensichtlich. Das monochrome Gleiten des Pinsels in vielen Schichten Acrylfarbe wie bei Kupferwolke, 2006, ist einem fein nuancierten, beinahe modellierenden Duktus gewichen. Dies verleiht der Szenerie Tiefe und Natürlichkeit. Durch diese ihm so eigene Farbgebung gelingt es Martinj das Auge des Betrachters lange zu fesseln. Dennoch ist die Farbwahl kein Kalkül, wie Martinj bemerkt: „Ich habe zwar grundsätzliche Vorstellungen von der Farbe, muss diese aber ausprobieren. Ich kann das Resultat nicht voraussagen.“ So wird denn ein oranger Himmel mit roten Wolken behangen oder ein kupferfarbener Weg von ebenso farbigen Bäumen gesäumt.
Durch Pinselduktus und Farbwahl werden unterschiedliche Temperamente sichtbar, die wolkige, windige oder ruhige Stimmungen hervorbringen. Obschon bei der Flusslandschaft, 2008, keine Sonne scheint und eine schattenlose Helligkeit herrscht, scheinen die Wolken beim Betrachter vorbeizuziehen. Diese Dynamik steigert sich bei der Wolkenlandschaft, 2008, in ein stürmisches Getöse, das das Auge des Betrachters beinahe flimmern lässt. Diese stürmische Atmosphäre hat Martinj bereits bei frühen Werken wie La strada per alba, 2008/94, bewegt, obschon das Motiv Himmel damals noch eher einen Nebenschauplatz bildete. Die toskanische Landschaft, gekennzeichnet durch die Zypressen in sanften Hügeln gelegen, dominiert aufgrund des hochgezogenen Horizontes das Werk.
Horizont
Der Horizont ist als kompositionelles Element in allen Werken konstant. Der aus dem Schwung des Armes heraus gemalte Horizont verläuft bei allen neueren Werken als Segmentbogen (konvex verlaufende Linie). Der höchste Punkt ist jeweils in der Bildmitte wie beim Werk Bergsee, 2008. Der Segmentbogen des Horizontes findet sein ikonographisches Vorbild bei Ferdinand Hodler (1853-1918). Die horizontale Ausrichtung sorgt für eine Ausgewogenheit, ein ruhendes Moment fürs Auge und Gemüt des Betrachters sowie eine Fern- und Übersicht. Dieser schwungvolle ca. 130cm lange Bogen kann auch als wiederkehrendes Lebensmuster von Auf- und Ausbruch gedeutet werden. Verstärkt wird dies durch Metaphern, die dem Horizont teils winzig beigefügt sind: Ein Schiff bei Rote Wolken, 2008, das für Reise bzw. Flucht steht, ein Leuchtturm bei Meereslandschaft II, 2008, der Geheimnis symbolisiert sowie ein kaum merklicher Weg bei Winterlandschaft, 2008, der für einen Blick ins Weite führt. Diese Metaphern laden die in sich ruhenden Landschaften erzählerisch auf, was der unergründlichen Atmosphäre in Edward Hoppers (1882-1967) Landschaftsbildern erinnert.
Künstlerische Intention
Bei der Bildkomposition geht Martinj dennoch nicht strikt von einem Konzept aus wie er betont: „Ich lasse mich leiten, lasse mich treiben“. Eine Wechselwirkung zwischen Reiz und Malprozess baut sich auf. Bei der Planung geht er von einer Grundidee wie „Fluss“, „Wasser“, „Baum“ aus. In die Komposition und Technik bindet er dann beinahe unsichtbar, symbolhafte eigene Geschichten aus seiner Lebensrealität ein. So werden die expressiven Landschaftswerke gekennzeichnet durch Lebenslust und Freiheit – die Freiheit, keinen Erwartungen zu entsprechen und das Finden einer Botschaft den Betrachtenden zu überlassen.
Sidonia Gadient, Kunsthistorikerin lic. phil.I, Basel
© Sidonia Gadient/martinj, 2009
